„Die Wandertierhaltung gilt in Entwicklungsländern als rückständig und viele Regierungen arbeiten ihr entgegen“, sagt Ilse Köhler-Rollefson. „Dabei sind es gerade die Wanderhirten, die einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz in ökologischen Randgebieten wie Wüsten leisten. Sie ziehen weiter statt zu überweiden, und erhalten so die biologische Vielfalt von Flora und Fauna“, beschreibt die Tierärztin. Ilse Köhler-Rollefson unterstützt weltweit Hirtenvölker als Hüter der biologischen Vielfalt.
Auslöser für das Engagement von Ilse Köhler-Rollefson war eine Begegnung mit Kamelhirten im indischen Rajasthan vor mehr als 20 Jahren. Sie berichteten über ihre schwierige Situation und es stellte sich heraus, dass das Grundproblem der Hirten der Verlust ihrer traditionellen Weidegründe war. Durch kommerziellen Ackerbau und bei der Einrichtung von Naturschutzgebieten wird den Nomaden automatisch ihr Weiderecht entzogen und somit ihre Lebensgrundlage. Ilse Köhler-Rollefson gründete 1992 die „Liga für Hirtenvölker und nachhaltige Viehwirtschaft e.V.“, mit der sie sich vor allem in Indien für eine offizielle Anerkennung der Rolle von Hirten beim Erhalt der biologischen Vielfalt engagiert. „Hirtenkulturen gelten als Bewahrer wichtigen Wissens über den schonenden Umgang des Menschen mit der Natur“, weiss die 55-jährige. Die periodische Beweidung ist oft Voraussetzung für die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Wenn nicht beweidet wird, breitet sich Gestrüpp aus, was die Vermehrung vieler Pflanzenarten verhindert. Die Folge ist die Veränderung des Ökosystems einer Jahrtausende alten Kulturlandschaft. So kann sich zum Beispiel die Akazie nicht mehr ausbreiten, die aufgrund ihrer Dürreresistenz ökologisch sehr wichtig ist. Auch bodenbrütende Vögel wie z.B. Kiebitze sind betroffen. Ilse Köhler-Rollefson macht deutlich, dass Wüstenregionen nur durch Beweidung nachhaltig genutzt werden können. Denn auch die Nutzung durch Ackerbau ist nicht nachhaltig. Sobald das Wasser für die Landwirtschaft versiegt, liegen die Flächen brach, was wiederum zur Bodenerosion führt. Ilse Köhler-Rollefson arbeitet intensiv daran, ein Umdenken bei Behörden und Politikern zu erreichen. Sie setzt sich mit ihrer „Liga für Hirtenvölker“ am Rande von internationalen Veranstaltungen ein, vernetzt gleichgesinnte Organisationen und unterstützt diese international in der Erarbeitung politischer und rechtlicher Regelwerke. Die engagierte Hessin hat mit ihrer Arbeit Erfolg. Sie hat die indische Partnerorganisation LPPS dabei unterstützt, eine Änderung der indischen Gesetzeslage zu Gunsten von mobilen Tierhaltern zu erwirken. Die Regierungen von 109 Ländern erkannten im Rahmen des „Interlaken Prozesses“ in 2007 die Rolle von Hirten bei der Erhaltung der natürlichen Ressourcen ausdrücklich an. Darüber hinaus konnten Weiderechte vor Gericht erstritten werden, ebenso die Vermarktungsrechte für Kamelmilch.